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Frankreich

Erlebnisberichte zur Totalen Sonnenfinsternis vom 11. August 1999
Übersicht
Auf der folgenden Karte sehen Sie den Teil Frankreichs, der am 11. August 1999 vom Kernschatten des Mondes erfasst wurde. Hier sind die Beobachtungsorte eingezeichnet, zu denen Sie auf dieser Seite Beobachtungsberichte finden.

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Schattenpfad durch Frankreich (Beobachtungsberichte sind von den hier grün eingezeichneten Orten aus verfügbar)
Berichte
Werner Klein
(Sainte-Menehould / Champagne) [»eMail]

Nunmehr sind 36 Stunden nach dem großen Ereignis vergangen und ich raffe jetzt erst so richtig was ich da eigentlich gesehen habe. Aber ich fange von vorn an: Auf Grund der letzten Wetterberichte war mein Zielgebiet in Frankreich zwischen Thionville und Metz, weils je westlicher wahrscheinlicher war, Wolkenlücken zu erreichen(das ZDF hatte eine Kamera in Reims).Außerdem rechnete ich mit weniger Staus auf der Strecke und es war auch nicht weiter als Saarbrücken. Mein Wohnort zwischen Düsseldorf und Köln. Wir sind dann, meine Frau und ich, um Punkt 6:00h losgefahren und erreichten unser Zielgebiet etwa gegen 11:00h, für bis dahin ca. 350 km und ein recht schnelles Auto eine lahme Zeit, jede Menge Staus! Nur, dort goss es in Stömen, von Sonne keine Spur. Kurze P-Pause auf einer Raststätte. Mittlerweile war es 11:30 und die Bedeckung hatte begonnen,also weiter auf der Autobahn Metz-Paris in Richtung Reims. Gegen 11:45 blaues Loch entdeckt, nächste Abfahrt raus, lange Schlange an der Sch.. Zahlstelle. Nach Sicht aus dem Ort(Ste. Menehoud in der Champagne, kennt keine Sau) raus in Richtung blaues Loch. Am Ortsausgang auf einer Anhöhe(ein letzter Berg des Argonnerwaldes) ein Feldweg, wo schon viele Autos standen, Parklücke gesucht, uff. Dann leichte Hektik, mittlerweile war es 12:05h. Erstmal die Bedeckung angeschaut, hmm, sowas schon früher mal gesehen. Dann Stativ für Kamera (300mm Tele) augebaut; Einrichten der Kamera mit von Hand vorgehaltenem Filter war richtig schwierig. Dann Teleskop (60/900) aufgebaut; noch schwieriger Einrichten des Teleskops ohne Filter, aber auch irgendwie geschafft. Zeit 12:22h. Grosses Aufatmen und die ersten Interessierten kamen zum Teleskop um die Projektion der Bedeckung ungefiltert und etwas vergrössert zu sehen. Ausser einem Schweizer Vater mit Sohn waren wir die einzigen Ausländer hier und wurden recht oft fotografiert. Zur Wetterlage: Leider war im blauen Loch ein Wolkenstreifen, der verdächtig in Richtung Sonne driftete. Die Totalität sollte hier fast Punkt 12:30 eintreten, was auch geschah(warum auch nicht ?). Volle Sicht, Diamantenkrone, dann Korona; nach einer Minute etwa kam die blöde Wolke und liess die Korona dann und wann durch. Habe fotografiert, die Landschaft rundum betrachtet, die Korona bestaunt, mich über die Wolke geärgert. Rechtzeitig, noch so ca. 15-20 Sek. vor dem Ende der Totalität, war die Wolke vorbei, wieder Diamantring und "knipps" Lichtschalter an. Für 2 Minuten Ereignis, mit Rückfahrt über Reims, Kurzbesuch von 5h, 17h unterwegs(11,5h im Auto), die Frage, hat sich das gelohnt? Antwort heute: "JA", unbedingt Dieses Erlebnis, wie die Sonne abgeschaltet wird und auch das wieder Einschalten, das scheinbar unwirkliche Licht während der Totalität(im Norden und Süden war der Himmel doch ziemlich hell, im Westen und Osten sah man den Schatten rasen, auf der westlichen Seite rötliche Dämmerung , im Osten mehr gelblich), dieses Erlebnis ist für mich heute beeindruckender als gestern. Dieser Effekt, klick, Licht aus, klick, Licht an, sonst nur im Kinofilm bein Scenenwechsel zu sehen, das war "real live" und das macht das Einmalige aus.
Der ganze Aufwandt hat sich für mich gelohnt, eine Erfahrung oder ein Erlebnis, daß ich wohl immer im Hinterkopf haben werde. PS: Ob meine Bilder was geworden sind erfahre ich leider erst in 4 Tagen.

Christoph Sorge
(bei Lembach nahe Wissembourg, dt.-frz. Grenze) [»eMail]

Auf den Rat von Dieter Kreuer hin wollte ich die 20 zusätzlichen Sekunden Totalität voll auskosten, die ich durch eine Fahrt an die französische Grenze (mein Heimatort liegt 30 oder 40 km nördlich davon) gewinnen konnte. Bereits am Montag hatte ich mit einem Besucher aus Schleswig-Holstein zusammen einen perfekt geeigneten Platz gesucht, der so abgelegen war, daß bestimmt sonst keiner hinkommen würde. Er liegt (auf französischer Seite, nahe der Grenze) auf einem kleinen Berg westlich von Wissembourg/Weißenburg, in der Nähe von Lembach und bietet gute Sicht nach Westen. Für die Fahrt braucht man normalerweise etwa eine Dreiviertelstunde, wir planten vorsichtshalber etwa die doppelte Zeit ein, um noch vor dem 1. Kontakt hinkommen zu können. Zwar vergaß man natürlich in der Aufregung am Morgen erst mal einiges zu Hause, aber dennoch kamen wir noch zeitig weg (diesmal zu dritt, denn es hatte sich uns noch jemand angeschlossen). Die Wettervorhersage stimmte zwar nicht mehr optimistisch, aber da im weiten Umkreis die Chancen ungefähr gleich schienen, wollten wir eben doch unseren extra ausgesuchten Platz ansteuern.
Der Verkehr war deutlich stärker als normal. Die Fahrt auf der vierspurigen B9 ging trotzdem erwartungsgemäß flott, aber mit einem kilometerlangen Stau vor einem Kaff wie Kandel hatten wir dann doch nicht gerechnet. Die Nervosität stieg. Doch zum Glück beruhigte sich der Verkehr nach der Ortsdurchfahrt etwas. Im Radio kamen allerdings ewig lange Verkehrsdurchsagen, die in dem Hinweis gipfelten, daß in der Totalitätszone eigentlich auf allen wichtigen Straßen Stau wäre... Zwischendrin dauernd Lieder mit Bezug zur Sonne ("Black hole sun", "Walking on sunshine",...).
Entlang des Weges sahen wir an wirklich jedem Platz, der auch nur halbwegs dazu geeignet schien, jedem Parkplatz und jedem Feld Dutzende Menschen stehen, die zum Teil mit bloßem Auge, zum Teil aber auch mit bereits aufgebauten Teleskopen und Kameras die Finsternis abwarteten. Entlang einer Allee, die gute Parkmöglichkeiten bot, die uns aber aufgrund der schlechten Sicht nach Westen ungeeignet erschienen war, standen links und rechts auf ca. einem Kilometer Länge Hunderte von Autos. Doch wir kannten ja unseren Platz schon.
Zu diesem Zeitpunkt, kurz nach dem ersten Kontakt, brachen plötzlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Meine Mitfahrer waren zutiefst beeindruck, ich saß als Fahrer mangels Parkmöglichkeit auf glühenden Kohlen, denn die Beobachtung der SoFi mit Brille während der Autofahrt soll sogar noch gefährlicher sein als die Beobachtung ganz ohne...
Doch kurz darauf erreichten wir "unseren" Platz. Schätzungsweise 20-30 andere Leute hatten ihn auch schon angesteuert, unter anderem eine Gruppe, die einen Kreis aus gelber Schnur um sich gezogen hatte und mir daher etwas komisch vorkam. Entweder waren es Esoteriker, oder sie wollten ihre Ruhe haben... Das Schild "Terrain militaire" mitten auf dem Platz störte niemanden. Störend hingegen die Wolken. Jedesmal, wenn die Sonne wieder zu sehen war, ein hoffnungsfroher Blick. Die letzte Stunde vor der Totalität brachte eine große Anspannung mit sich, die mit jeder Sekunde schlimmer wurd. Vorher hatte ich einfach beschlossen, daß das Wetter gut wird, aber nun ließ sich das nicht mehr mit einem Blick an den Himmel in Einklang bringen.
Noch etwa eine Viertelstunde vor der Totalität hatten wir ein Wolkenloch, das uns etwas Hoffnung machte. Doch dann zog es sich wieder zu, und es kam sogar noch eine besonders dicke, schwarze Wolke vor die Sonne gezogen. Ein paar Engländer, die auf dem gleichen Platz standen, räumten in aller Eile ihre Sachen zusammen, um sich doch noch einen günstigeren Platz zu suchen. Unsere Gruppe beschloß, zu bleiben - es war einfach zu spät.
Zwei Minuten vorher. Es ist kälter und dunkler geworden. Die Wolke ist immer noch nicht weg. Ich bin nervös. Einer der Mitbeobachter meint, man könne die Sonne wahrscheinlich sehen, weil nach Abzg der dicken, schwarzen Wolke nur noch eine sehr dünne Wolkenschicht die Sicht versperrt. Ich zweifle. Im Westen wird es dunkel, auch wenn man den Schatten nicht so auf sich zurasen sieht, wie es manchmal beschrieben wird. Zu bewölkt.
Noch wenige Sekunden. Die Wolke schiebt sich weg. Die Sonnensichel wird immer schmaler. Plötzlich der Diamantring. Wir sehen die Korona. Ein unbeschreibliches Gefühl. Wenige Sekunden (*) später: Wieder Wolken. Enttäuschung, aber auch Freude, überhaupt etwas gesehen zu haben. Ein Blick über die Landschaft. Es ist Nacht. Fast gespenstisch.
Kurz vor Ende der Totalität tut uns der Wettergott zum letzten Mal einen Gefallen: Noch ein kurzer Blick auf die verfinsterte Sonne, dann sieht man auch schon wieder den ersten Lichtblitz. Unbeschreiblich schön. Es wird wieder hell, man tauscht sich kurz mit den anderen Beobachtern aus. Wir beschließen, noch bis zum Ende der Finsternis dazubleiben, doch die Wolkenlücken werden immer rarer. Als es schließlich anfängt zu regnen, packen wir zusammen. Es gibt nichts mehr zu sehen. Die Engländer kommen zurück. Sie haben die Venus gesehen - sonst nichts. Keine Korona, keinen Diamantring. Wir haben Glück gehabt.
Auf der Rückfahrt besichtigten wir dann noch ein Werk der Maginot-Linie und hoffen, daß danach die meisten SoFi-Beobachter schon abgereist sind. Bis Bad Bergzabern lief es auch ganz gut, doch dann wieder ein kilometerlanger Stau. Aber das machte nichts mehr, denn wir hatten die Sonnenfinsternis gesehen. Zumindest bei mir wird es nicht die letzte gewesen sein.
Dummerweise mußte ich zu Hause erfahren, daß man in meiner Heimatstadt die ganze Totalität verfolgen konnte; ich habe also keine 20 Sekunden gewonnen, sondern eher über 90 Sekunden (*) verloren.
Während eines Teils der Finsternis hatten wir eine Videokamera mitlaufen lassen; die nicht abschaltbare Belichtungsautomatik spielte uns in denentscheidenden Momenten einen Streich, aber evtl. läßt sich noch etwas retten. Mein Teleskop habe ich während der ganzen Finsternis kaum gebraucht, einzig das kleine Fernglas brachte wirklich etwas. Aber was soll's.... Heute dann die letzte Etappe: Fotos abgeholt. Das Labor hat gut reagiert, auf der Hülle ist ein Etikett mit dem Hinweis, daß der "Sofi-Auftrag" wunschgemäß nicht geschnitten wurde, um Beschädigungen zu vermeiden, und daß man für Nachbestellungen selbst schneiden soll. Der ganze Filmstreifen in einer langen Plastikhülle. Obwohl ich sehr viele Blenden/Belichtunszeiten durchprobiert habe, ist ungefähr die Hälfte der Fotos (ca. 10 Stück) etwas geworden. Die Wolken sehen auf den Fotos viel besser aus als wenn sie einem bei der Beobachtung die Laune verderben...
Lediglich von einem Bild, auf dem anscheinend die Korona zu sehen ist,wurde kein Abzug gemacht. Das wird aber noch nachgeholt; viel wichtiger ist aber eins: Ich habe die SoFi gesehen!
(*) Alle Zeitangaben sind rein subjektiv, ich habe nicht gestoppt...

Stefan Seip
(bei Malpart nahe Amiens) [»eMail]

In großem Stil berichteten sämtliche Medien im Vorfeld über die totale Sonnenfinsternis 1999. Weite Teile der Bevölkerung erfuhren davon, wurden neugierig und wollten sich das Spektakel am Firmament nicht entgehen lassen. Ich dagegen bin schon seit meiner Kindheit interessiert an der Astronomie und kann mich sehr gut daran erinnern, daß ich bereits im Alter von 13 Jahren daran dachte, dieses Ereignis beobachten zu wollen. Damals noch in Hessen wohnend, wollte ich die Fahrt nach Stuttgart dafür gerne in Kauf nehmen, auch wenn diese Distanz mir damals wie eine halbe Weltreise vorkam. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, daß es mich beruflich einmal nach Stuttgart verschlagen würde. Und als ich 1992 nach Stuttgart zog, dachte ich natürlich sofort wieder an meinen 'Standortvorteil' bei der Beobachtung der Finsternis, auch wenn bis dahin noch 7,5 Jahre vergehen sollten. Ein Jahrhundertereignis direkt vor der Haustüre in gewohnter Umgebung beobachten zu dürfen, im Kreise seiner Freunde, das - so dachte ich im Vorfeld der Finsternis - sei wohl eine angemessene Belohnung für meine 22-jährige Vorfreude.
Entsprechend umfangreich fielen meine Vorbereitungen aus. Mein Ziel war es, möglichst viele verschiedene Ansichten und Phasen der Finsternis im Bild festzuhalten, ohne dabei auf das individuelle Erleben zu verzichten. Minutiös wurden alle Kameraeinstellungen und Auslösemomente in langen Tabellen vorbereitet. Insgesamt sechs Kameras sollten zum Einsatz kommen. Eine erste Einstellung sollte die klassische Mehrfachbelichtung sein, die auf einer einzigen Aufnahme alle Phasen der Finsternis zeigt. Mit einer zweiten Kamera, so war mein Plan, sollte jeweils die Hälfte der Finsternis durch Mehrfachbelichtung dargestellt werden. Eine dritte Kamera war vorgesehen für die formatfüllenden Abbildungen der Finsternis mit langer Brennweite, eine weitere für die Detailphotographie durch mein astronomisches Teleskop. Mit einer Mittelformatkamera sollte während der Phase der maximalen Verfinsterung ein Bild entstehen, auf dem neben der verfinsterten Sonne die Planeten Merkur und Venus zu sehen sind. Schließlich und endlich lag eine Kamera mit diversen Wechselobjektiven bereit für Schnappschüsse, z.B. für Projektionen der Sonnensichel auf dem Boden unter einem Baum, dessen Blätterwerk zahlreiche 'Lochkameras' entstehen läßt.
Anhand zahlloser Testaufnahmen der unverfinsterten Sonne schon Wochen vor dem Großereignis ermittelte ich die richtigen Belichtungseinstellungen. Für das Fernrohr sowie für etliche Photoobjektive fertigte ich Sonnenschutzfilter aus Spezialfolie an. Die Belichtung der total verfinsterten Sonne konnte ich freilich nicht vorher testen. Doch auf etlichen Websites und in manchen Fachzeitschriften und -büchern werden Erfahrungswerte publiziert, aus denen ich die wahrscheinlich passenden Werte ermittelte. Als schließlich alle Einstellungen und Belichtungswerte festgelegt waren, bat ich meinen Freund Frank Zimmer, eine Software zu entwickeln, die während der Finsternis optisch und akustisch anzeigte, was wann zu tun sei. So würde während der Finsternis ein Laptop-Computer dabei sein, der die Steuerung des Geschehens übernimmt. Die Software wurde schließlich verfeinert, indem sie nicht nur anzeigte, wann welche Kamera auszulösen ist, sondern auch, wann die Schutzfilter entfernt und wieder aufgesetzt werden müssen. Um das Erlebnis der Totalität nicht durch Piepstöne zu stören, sollte die Software zwar auch in der Totalitätsphase weiterlaufen, dann jedoch automatisch auf 'stumm' umschalten. Vollendet wurde Franks Programm schließlich dadurch, daß man lediglich eine Referenzzeit (z.B. die Mitte der Finsternis) eingeben mußte, um alle anderen Zeitpunkte von der Software automatisch errechnen zu lassen. Das wäre nützlich für den Fall, daß aus Gründen der Witterung eine Reise notwendig werden sollte. Ein Standortwechsel würde nämlich eine Verschiebung sämtlicher Zeiten im Ablauf der Finsternis mit sich bringen.
Derart gerüstet ging es ab einer Woche vor der Finsternis nur noch um die eine bange Frage: Wie wird das Wetter? Wird die Schönwetterperiode anhalten oder werden Wolken den Blick zur Sonne verwehren? Zwar ist das Internet mit seinem großen Angebot an entsprechenden Wetterseiten ein sehr gutes Recherchemittel für Vorhersagen, doch für den 11. August 1999 gab es auch einen Tag vor der Finsternis keine einhellige Meinung. Die Prognosen für gute Sichtbedingungen in Stuttgart schwankten zwischen 30 und 70 Prozent. Die Tendenz war einheitlich fallend bis stagnierend. Schließlich wurde immer mehr zur Gewissheit, was nur schwer zu verkraften war: Die Chancen, die Finsternis in Stuttgart ungestört beobachten zu können, sanken auf Null, und die Wahrscheinlichkeit, wenigstens ab und zu einen Blick auf die verfinsterte Sonne erhaschen zu können, waren gering. Zwar seien in der dichten Wolkendecke hie und dort Löcher, aber wo diese Löcher zum Zeitpunkt der Finsternis oder der Totalität sein würden, vermochte selbst am Vorabend kein Mensch zu sagen.
Noch schlimmer war jedoch die Aussage, daß es auch in den benachbarten Gegenden nicht viel besser aussehen würde. Praktisch im ganzen Bereich der Totalitätszone hielten sich Wolken auf, abgesehen von fernen Regionen: Ungarn (Gebiet südöstlich Plattensee), Rumänien und Bulgarien. Plötzlich verbesserten sich auch die Prognosen für Westfrankreich. So lautete der kurzfristige Entschluß: Auto beladen und auf den Weg nach Frankreich. Ich zog die Fahrt nach Frankreich einer Reise nach Ungarn vor. Würde man nämlich, durch welche Einflüsse auch immer, auf halber Strecke stehen bleiben müssen (z.B. wegen Stau durch Finsternistourismus), hätte man innerhalb von Frankreich deutlich bessere Aussichten auf einen freien Blick als etwa in Österreich, wo schlechtes Wetter mit Regen als ziemlich sicher galt. Also ging am Dienstag Abend die Fahrt ab Richtung Westen, Frankreich als Ziel. Frank nahm die Strapaze der Fahrt ebenfalls auf sich, so daß wir zu zweit loszogen.
Unterwegs konnten wir telefonisch immer wieder die neuesten Wetterprognosen abrufen und Freunde fragen, die im Internet in unserem Auftrag recherchierten. Doch Prognose und Realität können zwei verschiedene Dinge sein, und so regnete es in Frankreich wiederholt während unserer nächtlichen Autofahrt. Nur ein Lichtblick blieb: Bei einer Pause auf einer Autobahnraststätte hatten wir einen wunderschönen Sternenhimmel über uns. Doch zum Übermut gab es keinen Grund: Schon wenig später zogen wieder Wolken auf und es begann zu regnen. Unser erstes Ziel war Laon, über die A26 gut erreichbar. Spät in der Nacht trafen wir dort ein und gönnten uns einen kurzen Erholungsschlaf im Auto. Dann ein böses Erwachen: Es war schon hell, aber der Himmel zeigte sich bedeckt mit einer dicken, lückenlosen Wolkenschicht. Wieder nahmen wir telefonischen Kontakt auf, um die neuesten Internet-Wettermeldungen abzufragen. Sofern diese Websites überhaupt noch erreichbar waren (viele waren aufgrund der großen Besucherzahl zusammengebrochen), lieferten sie düstere Prognosen: Nur im äußersten Westen Frankreichs würden Chancen bestehen. Nun war klar, daß wir nichts zu verlieren hatten und wir setzten uns in Bewegung. St. Quentin und Chaulnes waren die nächsten Stationen, ohne daß das Wetter Besserung versprach. Schließlich war es schon 10:00 Uhr und wir verließen die Autobahn, um uns einen Platz für die Beobachtung zu suchen. Wir landeten letztlich in Malpart, einem kleineren Ort südöstlich von Amiens, ein wenig nördlich der Finsternis-Zentrallinie.
Die Finsternisdaten für diesen Ort (alle Angaben in MESZ):
1. Kontakt: 11:05 Uhr
2. Kontakt: 12:22:10 Uhr
3. Kontakt: 12:24:20 Uhr
4. Kontakt: 13:45 Uhr
Dauer der Totalität: 2 Minuten, 10 Sekunden
Immerhin setzte der Regen aus, und nach mehreren kleineren Standortwechseln - wir wollten eine möglichst weite Aussicht über die Landschaft haben - stellten wir das Auto auf einem Stoppelacker ab. Anfangs ließ ein heller Fleck in der fast einheitlich grauen Wolkendecke erahnen, an welcher Position die Sonne am Himmel steht. An Photos war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Doch dann gab es immer mehr dünnere Stellen in der hohen Bewölkung, während die tiefer ziehenden Wolken komplett verschwanden. Wenn ein dünnerer Bereich der Wolkendecke über die Sonne zog, konnte man ihre Umrisse sehen! Schnell bauten wir das Teleskop und eine Kamera mit Teleobjektiv auf. Erst eine halbe Stunde nach dem ersten Kontakt, also dem Beginn der Finsternis, konnte ich ein erstes Photo schießen. Die Sonne war bereits ein Stück vom Mond bedeckt. Es folgten weitere Aufnahmen in unregelmäßigen Abständen, Taktgeber waren stets die aufgelockerten Bereiche der Bewölkung.
Durch die dünneren Wolken konnten wir das Voranschreiten der Finsternis ohne jegliche Schutzfilter beobachten. Sie dämpften das Sonnenlicht derart, daß man auch ohne Schutzbrille nicht geblendet wurde. Selbst der Blick auf die Sonne mit dem Teleskop konnte ohne Schutzfilter erfolgen! Damit waren alle im Vorfeld gewonnen Erfahrungen bezüglich der Belichtung solcher Aufnahmen wertlos geworden. Nun kam es wieder auf Erfahrung und Gespür an, Improvisation war gefragt. Ich belichtete einen Großteil der Aufnahmen mit der Belichtungsautomatik, stellte aber eine Korrektur von +1,5 Stufen ein. Weil ein überwiegender Teil der Bildfläche ziemlich hell war, befürchtete ich ohne Korrektur eine Unterbelichtung, ähnlich wie bei Aufnahmen im Schnee. Wie sich herausstellen sollte, war diese Korrektur angebracht.
Frank schaut durch das 8"-Schmidt-Cassegrain Teleskop auf die teilverfinsterte Sonne - ohne Schutzfilter.
Das bin ich beim Blick durch das Teleskop. Im Vordergrund ist die Kamera mit dem 800mm-Spiegelobjektiv und 2-fach Konverter zu sehen.
Auf alle im voraus geplanten Aufnahmeserien mußte ich unterdessen verzichten. Da die Sonne nur sporadisch auftauchte, waren Serienbelichtungen in bestimmten Intervallen unmöglich. Vielmehr kam die Arbeitsweise einer Art Schnappschuß-Photographie gleich, bei der schnelle Reaktion erforderlich war, wenn wieder einmal ein Bereich dünnerer Wolken den Blick zur Sonne kurzfristig freigab. Auch für Belichtungsreihen (=Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen) blieb praktisch keine Zeit. Jedes Photo mußte gelingen. So war eine gewisse Hektik und Geschäftigkeit sogar während der partiellen Phase der Finsternis nicht zu vermeiden. Ab ca. 12:10 Uhr stieg der Aktivitätsgrad weiter an. Mit der zunehmenden Bedeckung der Sonnenscheibe durch den Mond begann die Landschaft um uns herum, an Helligkeit zu verlieren. Nicht nur die Lichtintensität wurde geringer, auch die Qualität des Lichtes änderte sich langsam aber stetig. Immer mehr wurde die Welt eingetaucht in ein dunkel ockerfarbenes, fahles Licht. Alle Gegenstände verloren ihren Glanz und ihre Ausstrahlung, sie wirkten unlebendig und abwesend, so, als wollten sie die Aufmerksamkeit bewußt auf das Schauspiel am Himmel lenken.
Jetzt war es an der Zeit, am Fernrohr eine Kamera zu montieren, die mittels Okularprojektion Detailaufnahmen der Finsternis liefern sollte. Das Perlschnurphänomen, so nahm ich mir vor, sollte bei etwas besserer Sicht durch die Wolken erkennbar sein. Schon war die Sonne zu einer verdammt schmalen Sichel zusammengeschmolzen, der Fortgang der Finsternis schien in diesem Stadium besonders schnell voranzuschreiten. Im Herzschlagrythmus wurde es dunkler. Hektisch wechselte ich noch einen teilbelichteten Film, um während der Totalität genügend Vorrat zu haben. Kaum war der neue Film eingelegt, ging es Schlag auf Schlag: Extrem schmale Sichel - klick - Perlschnurphänomen - klick - totale Sonnenfinsternis - klick. Ein 'Diamantring', bei dem ein letzter gleißend heller Sonnenstrahl an einem Punkt zu sehen ist, trat nicht auf, da noch immer eine leichte Wolkendecke den Blick zur Finsternis trübte. Immerhin schien während der nun angebrochenen Totalitätsphase ein besonders lichtes Wolkenfeld zwischen uns und der Sonne zu sein, so daß wir das Geschehen recht gut sehen konnten.
Mit der Totalität erreichten auch meine Eindrücke einen Höhepunkt, der in Worte zu fassen mir schwer fällt. Das fahle Licht um uns war einer gespenstischen Dunkelheit gewichen, die durch helle Streifen am Horizont in ihrer Wirkung nur gesteigert wurde. Trotzdem war die Resthelligkeit ausreichend, um die Umgebung gut zu erkennen. Ein Hase lief - sichtbar desorientiert - in kurzer Distanz zu uns über den Stoppelacker. Obwohl schon vorher kaum Geräusche zu vernehmen waren, fiel mir jetzt die große Stille auf, die den surrealen Gesamteindruck unterstrich. Einen Finsterniswind konnten wir nicht wahrnehmen. Im Gegenteil: Auch die Luft schien erstarrt zu sein. Ich hatte das Gefühl, alles hält in diesem Moment den Atem an, verharrte, stockte, hielt inne. Mit Beruhigung spürte ich, daß wenigstens mein Herz weiter schlug, sogar in etwas erhöhtem Tempo. Zwar ist mir sehr wohl bekannt, daß eine Totale Sonnenfinsternis eigentlich nur ein kosmisches Licht- und Schattenspiel ist, dennoch muß ich gestehen:
Das Erlebnis der Totalen Sonnenfinsternis hat meine Seele erschreckt.
Nie werde ich dieses Gefühl der Demut, der Bewunderung und des inneren Schreckens vergessen können. Gerne wäre auch ich in den Zustand des Phlegma verfallen, der einem von der Gesamtstimmung fast aufgezwungen wurde. Doch ich erinnerte mich, daß ich auch Photos machen wollte. Schnell und mit etwas zittrigen Händen baute ich die Kamera am Fernrohr ab, um eine andere Kamera - ohne Okularprojektion - zu montieren. Mit moderater Brennweite hatte ich eine Gesamtaufnahme der totalen Phase im Auge. Zwar waren die äußeren Bereiche Sonnen-Corona durch die leichte Wolkendecke nicht zu erkennen, aber die innerern, helleren Zonen und vor allem die lachsrote Chromospäre mit den Protuberanzen waren gut zu sehen. Nach dem Umbau der Kamera war die Schärfe im Sucher weg und ich mußte den Schärfeknopf des Telekopes weit drehen, bis der 'schwarze Mond' endlich im Sucher auftauchte. Ich wußte, daß schon einige Zeit vergangen war und drückte jetzt intuitiv auf den Auslöser, ohne mir über die Belichtungseinstellung Gedanken zu machen. Die Kamera war noch auf Automatik mit der Korrektur von +1,5 Stufen eingestellt. Nach dem Öffnen des Verschlusses dauerte es 12 quälende Sekunden, bis er sich wieder schloß. In dieser Zeit dachte ich nach, mit welcher Belichtung ich die nächsten Aufnahmen machen werde. Doch dazu kam es nie. Sofort nach dieser ersten, einzigsten Aufnahme der Totalität blitzte schon wieder die Sonne am Mondrand hervor und die totale Phase der Finsternis war zuende.
Natürlich war ich enttäuscht, daß ich nur eine Aufnahme machen konnte, die - so dachte ich - auch nicht sonderlich gut gelingen wird. Die lange Belichtung erforderte ein exaktes Nachführen des Telekopes mittels Motor, damit die Himmelsbewegung keine Unschärfen verursacht. Ich hoffte, daß die Nachführgenauigkeit ausreichend war. Die Belichtung war ohnehin ein Glücksspiel. So rechnete ich mit einer Aufnahme, die allenfalls als Erinnerungsbild oder als 'Beweisaufnahme' taugt. Daß ich zumindest dabei großes Glück hatte, zeigt das Resultat.
Obwohl ich die Totalität sehr gerne länger beobachtet und öfter photographiert hätte, machte sich in mir eine eigenartige Erleichterung bemerkbar, als sich die ersten Sonnenstrahlen zu einer schmalen Sichel formten. Freilich versäumte ich nicht, das erneut auftretende Perlschnurphänomen nach dem 3. Kontakt im Bild festzuhalten. Fünf Minuten lang konnten wir noch beobachten, wie der dunkle Neumond die Sonnenscheibe langsam wieder freigab. Und dann: Totale Finsternis in Form dichter Wolken! Ab diesem Zeitpunkt war kein Blick zu Sonne mehr möglich. Erst nach mehr als einer Stunde - die meisten Beobachter hatten sich längst auf den Heimweg gemacht - zog ein letztes Loch mit lichten Wolken vor Sonne und ermöglichte ein allerletztes Photo, circa 10 Minuten vor dem endgültigen Ende der Finsternis.
Was bleibt mir persönlich von dieser Finsternis am 11. August?
Zunächst ein unauslöschlicher Eindruck eines grandiosen Naturschauspiels und der dringende Wunsch, so etwas noch einmal erleben zu wollen. Zum anderen aber auch eine große Enttäuschung darüber, daß das Wetter nicht nur mein komplettes Beobachtungsprogramm 'gestrichen' hat, sondern auch zahllosen Freunden,  Bekannten und Unbekannten ein großartiges Erlebnis völlig verdorben hat. Es bleibt der Schmerz, die Finsternis nicht in gewohnter Umgebung, in seiner Heimat erlebt zu haben. Und das Wissen, daß es eine zweite Chance dazu für mich nicht gibt. Die Reise an einen fernen Ort, wo eine Totale Sonnenfinsternis stattfindet, kann nur ein schwacher Trost sein. Es bleibt die Trauer über den Großteil einer entgangen Freude, über die ich erst noch hinwegkommen muß. Das Kopfschütteln darüber, daß ausgerechnet am 11. August der Höhepunkt einer Wetterstörung erreicht war, die die Sicht just auf der Linie der totalen Bedeckung durch dichte Regenwolken vereitelte. Die Freude für alle diejenigen, die glücklicherweise im Moment der Totalität freie Sicht zum Himmel hatten. Das war z.B. am Ort der Sternwarte Welzheim so, nur etwa 30km von meinem Wohnort entfernt! Freude über meine Photos, Freude über die Gnade der Witterung, mir zumindest den Blick durch leichte Wolken auf die totale Phase zu genehmigen. Grenzenlose Freude über den Zufall, erst fünf Minuten nach der Totalität der Sicht durch Wolken beraubt zu werden. Grenzenlose Freude darüber, daß die Wolken nicht zehn Minuten vorher kamen...
Fazit: Mit zwei blauen Augen davongekommen.
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