Werner
Klein
(Sainte-Menehould / Champagne) [
»eMail]
Nunmehr
sind 36 Stunden nach dem großen Ereignis vergangen und ich raffe
jetzt erst so richtig was ich da eigentlich gesehen habe. Aber
ich fange von vorn an: Auf Grund der letzten Wetterberichte war
mein Zielgebiet in Frankreich zwischen Thionville und Metz, weils
je westlicher wahrscheinlicher war, Wolkenlücken zu erreichen(das
ZDF hatte eine Kamera in Reims).Außerdem rechnete ich mit weniger
Staus auf der Strecke und es war auch nicht weiter als Saarbrücken.
Mein Wohnort zwischen Düsseldorf und Köln. Wir sind dann, meine
Frau und ich, um Punkt 6:00h losgefahren und erreichten unser
Zielgebiet etwa gegen 11:00h, für bis dahin ca. 350 km und ein
recht schnelles Auto eine lahme Zeit, jede Menge Staus! Nur, dort
goss es in Stömen, von Sonne keine Spur. Kurze P-Pause auf einer
Raststätte. Mittlerweile war es 11:30 und die Bedeckung hatte
begonnen,also weiter auf der Autobahn Metz-Paris in Richtung Reims.
Gegen 11:45 blaues Loch entdeckt, nächste Abfahrt raus, lange
Schlange an der Sch.. Zahlstelle. Nach Sicht aus dem Ort(Ste.
Menehoud in der Champagne, kennt keine Sau) raus in Richtung blaues
Loch. Am Ortsausgang auf einer Anhöhe(ein letzter Berg des Argonnerwaldes)
ein Feldweg, wo schon viele Autos standen, Parklücke gesucht,
uff. Dann leichte Hektik, mittlerweile war es 12:05h. Erstmal
die Bedeckung angeschaut, hmm, sowas schon früher mal gesehen.
Dann Stativ für Kamera (300mm Tele) augebaut; Einrichten der Kamera
mit von Hand vorgehaltenem Filter war richtig schwierig. Dann
Teleskop (60/900) aufgebaut; noch schwieriger Einrichten des Teleskops
ohne Filter, aber auch irgendwie geschafft. Zeit 12:22h. Grosses
Aufatmen und die ersten Interessierten kamen zum Teleskop um die
Projektion der Bedeckung ungefiltert und etwas vergrössert zu
sehen. Ausser einem Schweizer Vater mit Sohn waren wir die einzigen
Ausländer hier und wurden recht oft fotografiert. Zur Wetterlage:
Leider war im blauen Loch ein Wolkenstreifen, der verdächtig in
Richtung Sonne driftete. Die Totalität sollte hier fast Punkt
12:30 eintreten, was auch geschah(warum auch nicht ?). Volle Sicht,
Diamantenkrone, dann Korona; nach einer Minute etwa kam die blöde
Wolke und liess die Korona dann und wann durch. Habe fotografiert,
die Landschaft rundum betrachtet, die Korona bestaunt, mich über
die Wolke geärgert. Rechtzeitig, noch so ca. 15-20 Sek. vor dem
Ende der Totalität, war die Wolke vorbei, wieder Diamantring und
"knipps" Lichtschalter an. Für 2 Minuten Ereignis, mit Rückfahrt
über Reims, Kurzbesuch von 5h, 17h unterwegs(11,5h im Auto), die
Frage, hat sich das gelohnt? Antwort heute: "JA", unbedingt Dieses
Erlebnis, wie die Sonne abgeschaltet wird und auch das wieder
Einschalten, das scheinbar unwirkliche Licht während der Totalität(im
Norden und Süden war der Himmel doch ziemlich hell, im Westen
und Osten sah man den Schatten rasen, auf der westlichen Seite
rötliche Dämmerung , im Osten mehr gelblich), dieses Erlebnis
ist für mich heute beeindruckender als gestern. Dieser Effekt,
klick, Licht aus, klick, Licht an, sonst nur im Kinofilm bein
Scenenwechsel zu sehen, das war "real live" und das macht das
Einmalige aus.
Der ganze Aufwandt hat sich für mich gelohnt, eine Erfahrung oder
ein Erlebnis, daß ich wohl immer im Hinterkopf haben werde. PS:
Ob meine Bilder was geworden sind erfahre ich leider erst in 4
Tagen.
Christoph
Sorge
(bei Lembach nahe Wissembourg, dt.-frz. Grenze)
[
»eMail]
Auf
den Rat von Dieter Kreuer hin wollte ich die 20 zusätzlichen Sekunden
Totalität voll auskosten, die ich durch eine Fahrt an die französische
Grenze (mein Heimatort liegt 30 oder 40 km nördlich davon) gewinnen
konnte. Bereits am Montag hatte ich mit einem Besucher aus Schleswig-Holstein
zusammen einen perfekt geeigneten Platz gesucht, der so abgelegen
war, daß bestimmt sonst keiner hinkommen würde. Er liegt (auf
französischer Seite, nahe der Grenze) auf einem kleinen Berg westlich
von Wissembourg/Weißenburg, in der Nähe von Lembach und bietet
gute Sicht nach Westen. Für die Fahrt braucht man normalerweise
etwa eine Dreiviertelstunde, wir planten vorsichtshalber etwa
die doppelte Zeit ein, um noch vor dem 1. Kontakt hinkommen zu
können. Zwar vergaß man natürlich in der Aufregung am Morgen erst
mal einiges zu Hause, aber dennoch kamen wir noch zeitig weg (diesmal
zu dritt, denn es hatte sich uns noch jemand angeschlossen). Die
Wettervorhersage stimmte zwar nicht mehr optimistisch, aber da
im weiten Umkreis die Chancen ungefähr gleich schienen, wollten
wir eben doch unseren extra ausgesuchten Platz ansteuern.
Der Verkehr war deutlich stärker als normal. Die Fahrt auf der
vierspurigen B9 ging trotzdem erwartungsgemäß flott, aber mit
einem kilometerlangen Stau vor einem Kaff wie Kandel hatten wir
dann doch nicht gerechnet. Die Nervosität stieg. Doch zum Glück
beruhigte sich der Verkehr nach der Ortsdurchfahrt etwas. Im Radio
kamen allerdings ewig lange Verkehrsdurchsagen, die in dem Hinweis
gipfelten, daß in der Totalitätszone eigentlich auf allen wichtigen
Straßen Stau wäre... Zwischendrin dauernd Lieder mit Bezug zur
Sonne ("Black hole sun", "Walking on sunshine",...).
Entlang des Weges sahen wir an wirklich jedem Platz, der auch
nur halbwegs dazu geeignet schien, jedem Parkplatz und jedem Feld
Dutzende Menschen stehen, die zum Teil mit bloßem Auge, zum Teil
aber auch mit bereits aufgebauten Teleskopen und Kameras die Finsternis
abwarteten. Entlang einer Allee, die gute Parkmöglichkeiten bot,
die uns aber aufgrund der schlechten Sicht nach Westen ungeeignet
erschienen war, standen links und rechts auf ca. einem Kilometer
Länge Hunderte von Autos. Doch wir kannten ja unseren Platz schon.
Zu diesem Zeitpunkt, kurz nach dem ersten Kontakt, brachen plötzlich
die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Meine Mitfahrer
waren zutiefst beeindruck, ich saß als Fahrer mangels Parkmöglichkeit
auf glühenden Kohlen, denn die Beobachtung der SoFi mit Brille
während der Autofahrt soll sogar noch gefährlicher sein als die
Beobachtung ganz ohne...
Doch kurz darauf erreichten wir "unseren" Platz. Schätzungsweise
20-30 andere Leute hatten ihn auch schon angesteuert, unter anderem
eine Gruppe, die einen Kreis aus gelber Schnur um sich gezogen
hatte und mir daher etwas komisch vorkam. Entweder waren es Esoteriker,
oder sie wollten ihre Ruhe haben... Das Schild "Terrain militaire"
mitten auf dem Platz störte niemanden. Störend hingegen die Wolken.
Jedesmal, wenn die Sonne wieder zu sehen war, ein hoffnungsfroher
Blick. Die letzte Stunde vor der Totalität brachte eine große
Anspannung mit sich, die mit jeder Sekunde schlimmer wurd. Vorher
hatte ich einfach beschlossen, daß das Wetter gut wird, aber nun
ließ sich das nicht mehr mit einem Blick an den Himmel in Einklang
bringen.
Noch etwa eine Viertelstunde vor der Totalität hatten wir ein
Wolkenloch, das uns etwas Hoffnung machte. Doch dann zog es sich
wieder zu, und es kam sogar noch eine besonders dicke, schwarze
Wolke vor die Sonne gezogen. Ein paar Engländer, die auf dem gleichen
Platz standen, räumten in aller Eile ihre Sachen zusammen, um
sich doch noch einen günstigeren Platz zu suchen. Unsere Gruppe
beschloß, zu bleiben - es war einfach zu spät.
Zwei Minuten vorher. Es ist kälter und dunkler geworden. Die Wolke
ist immer noch nicht weg. Ich bin nervös. Einer der Mitbeobachter
meint, man könne die Sonne wahrscheinlich sehen, weil nach Abzg
der dicken, schwarzen Wolke nur noch eine sehr dünne Wolkenschicht
die Sicht versperrt. Ich zweifle. Im Westen wird es dunkel, auch
wenn man den Schatten nicht so auf sich zurasen sieht, wie es
manchmal beschrieben wird. Zu bewölkt.
Noch wenige Sekunden. Die Wolke schiebt sich weg. Die Sonnensichel
wird immer schmaler. Plötzlich der Diamantring. Wir sehen die
Korona. Ein unbeschreibliches Gefühl. Wenige Sekunden (*) später:
Wieder Wolken. Enttäuschung, aber auch Freude, überhaupt etwas
gesehen zu haben. Ein Blick über die Landschaft. Es ist Nacht.
Fast gespenstisch.
Kurz vor Ende der Totalität tut uns der Wettergott zum letzten
Mal einen Gefallen: Noch ein kurzer Blick auf die verfinsterte
Sonne, dann sieht man auch schon wieder den ersten Lichtblitz.
Unbeschreiblich schön. Es wird wieder hell, man tauscht sich kurz
mit den anderen Beobachtern aus. Wir beschließen, noch bis zum
Ende der Finsternis dazubleiben, doch die Wolkenlücken werden
immer rarer. Als es schließlich anfängt zu regnen, packen wir
zusammen. Es gibt nichts mehr zu sehen. Die Engländer kommen zurück.
Sie haben die Venus gesehen - sonst nichts. Keine Korona, keinen
Diamantring. Wir haben Glück gehabt.
Auf der Rückfahrt besichtigten wir dann noch ein Werk der Maginot-Linie
und hoffen, daß danach die meisten SoFi-Beobachter schon abgereist
sind. Bis Bad Bergzabern lief es auch ganz gut, doch dann wieder
ein kilometerlanger Stau. Aber das machte nichts mehr, denn wir
hatten die Sonnenfinsternis gesehen. Zumindest bei mir wird es
nicht die letzte gewesen sein.
Dummerweise mußte ich zu Hause erfahren, daß man in meiner Heimatstadt
die ganze Totalität verfolgen konnte; ich habe also keine 20 Sekunden
gewonnen, sondern eher über 90 Sekunden (*) verloren.
Während eines Teils der Finsternis hatten wir eine Videokamera
mitlaufen lassen; die nicht abschaltbare Belichtungsautomatik
spielte uns in denentscheidenden Momenten einen Streich, aber
evtl. läßt sich noch etwas retten. Mein
Teleskop habe ich während der ganzen Finsternis kaum gebraucht,
einzig das kleine Fernglas brachte wirklich etwas. Aber was soll's....
Heute dann die letzte Etappe: Fotos abgeholt. Das Labor hat gut
reagiert, auf der Hülle ist ein Etikett mit dem Hinweis, daß der
"Sofi-Auftrag" wunschgemäß nicht geschnitten wurde,
um Beschädigungen zu vermeiden, und daß man für Nachbestellungen
selbst schneiden soll. Der ganze Filmstreifen in einer langen
Plastikhülle. Obwohl ich sehr viele Blenden/Belichtunszeiten durchprobiert
habe, ist ungefähr die Hälfte der Fotos (ca. 10 Stück) etwas geworden.
Die Wolken sehen auf den Fotos viel besser aus als wenn sie einem
bei der Beobachtung die Laune verderben...
Lediglich von einem Bild, auf dem anscheinend die Korona zu sehen
ist,wurde kein Abzug gemacht. Das wird aber noch nachgeholt; viel
wichtiger ist aber eins: Ich habe die SoFi gesehen!
(*) Alle Zeitangaben sind rein subjektiv, ich habe nicht gestoppt...
Stefan
Seip
(bei Malpart nahe Amiens) [
»eMail]
In
großem Stil berichteten sämtliche Medien im Vorfeld über die totale
Sonnenfinsternis 1999. Weite Teile der Bevölkerung erfuhren davon,
wurden neugierig und wollten sich das Spektakel am Firmament nicht
entgehen lassen. Ich dagegen bin schon seit meiner Kindheit interessiert
an der Astronomie und kann mich sehr gut daran erinnern, daß ich
bereits im Alter von 13 Jahren daran dachte, dieses Ereignis beobachten
zu wollen. Damals noch in Hessen wohnend, wollte ich die Fahrt
nach Stuttgart dafür gerne in Kauf nehmen, auch wenn diese Distanz
mir damals wie eine halbe Weltreise vorkam. Ich konnte zu diesem
Zeitpunkt nicht ahnen, daß es mich beruflich einmal nach Stuttgart
verschlagen würde. Und als ich 1992 nach Stuttgart zog, dachte
ich natürlich sofort wieder an meinen 'Standortvorteil' bei der
Beobachtung der Finsternis, auch wenn bis dahin noch 7,5 Jahre
vergehen sollten. Ein Jahrhundertereignis direkt vor der Haustüre
in gewohnter Umgebung beobachten zu dürfen, im Kreise seiner Freunde,
das - so dachte ich im Vorfeld der Finsternis - sei wohl eine
angemessene Belohnung für meine 22-jährige Vorfreude.
Entsprechend umfangreich fielen meine Vorbereitungen aus. Mein
Ziel war es, möglichst viele verschiedene Ansichten und Phasen
der Finsternis im Bild festzuhalten, ohne dabei auf das individuelle
Erleben zu verzichten. Minutiös wurden alle Kameraeinstellungen
und Auslösemomente in langen Tabellen vorbereitet. Insgesamt sechs
Kameras sollten zum Einsatz kommen. Eine erste Einstellung sollte
die klassische Mehrfachbelichtung sein, die auf einer einzigen
Aufnahme alle Phasen der Finsternis zeigt. Mit einer zweiten Kamera,
so war mein Plan, sollte jeweils die Hälfte der Finsternis durch
Mehrfachbelichtung dargestellt werden. Eine dritte Kamera war
vorgesehen für die formatfüllenden Abbildungen der Finsternis
mit langer Brennweite, eine weitere für die Detailphotographie
durch mein astronomisches Teleskop. Mit einer Mittelformatkamera
sollte während der Phase der maximalen Verfinsterung ein Bild
entstehen, auf dem neben der verfinsterten Sonne die Planeten
Merkur und Venus zu sehen sind. Schließlich und endlich lag eine
Kamera mit diversen Wechselobjektiven bereit für Schnappschüsse,
z.B. für Projektionen der Sonnensichel auf dem Boden unter einem
Baum, dessen Blätterwerk zahlreiche 'Lochkameras' entstehen läßt.
Anhand zahlloser Testaufnahmen der unverfinsterten Sonne schon
Wochen vor dem Großereignis ermittelte ich die richtigen Belichtungseinstellungen.
Für das Fernrohr sowie für etliche Photoobjektive fertigte ich
Sonnenschutzfilter aus Spezialfolie an. Die Belichtung der total
verfinsterten Sonne konnte ich freilich nicht vorher testen. Doch
auf etlichen Websites und in manchen Fachzeitschriften und -büchern
werden Erfahrungswerte publiziert, aus denen ich die wahrscheinlich
passenden Werte ermittelte. Als schließlich alle Einstellungen
und Belichtungswerte festgelegt waren, bat ich meinen Freund Frank
Zimmer, eine Software zu entwickeln, die während der Finsternis
optisch und akustisch anzeigte, was wann zu tun sei. So würde
während der Finsternis ein Laptop-Computer dabei sein, der die
Steuerung des Geschehens übernimmt. Die Software wurde schließlich
verfeinert, indem sie nicht nur anzeigte, wann welche Kamera auszulösen
ist, sondern auch, wann die Schutzfilter entfernt und wieder aufgesetzt
werden müssen. Um das Erlebnis der Totalität nicht durch Piepstöne
zu stören, sollte die Software zwar auch in der Totalitätsphase
weiterlaufen, dann jedoch automatisch auf 'stumm' umschalten.
Vollendet wurde Franks Programm schließlich dadurch, daß man lediglich
eine Referenzzeit (z.B. die Mitte der Finsternis) eingeben mußte,
um alle anderen Zeitpunkte von der Software automatisch errechnen
zu lassen. Das wäre nützlich für den Fall, daß aus Gründen der
Witterung eine Reise notwendig werden sollte. Ein Standortwechsel
würde nämlich eine Verschiebung sämtlicher Zeiten im Ablauf der
Finsternis mit sich bringen.
Derart gerüstet ging es ab einer Woche vor der Finsternis nur
noch um die eine bange Frage: Wie wird das Wetter? Wird die Schönwetterperiode
anhalten oder werden Wolken den Blick zur Sonne verwehren? Zwar
ist das Internet mit seinem großen Angebot an entsprechenden Wetterseiten
ein sehr gutes Recherchemittel für Vorhersagen, doch für den 11.
August 1999 gab es auch einen Tag vor der Finsternis keine einhellige
Meinung. Die Prognosen für gute Sichtbedingungen in Stuttgart
schwankten zwischen 30 und 70 Prozent. Die Tendenz war einheitlich
fallend bis stagnierend. Schließlich wurde immer mehr zur Gewissheit,
was nur schwer zu verkraften war: Die Chancen, die Finsternis
in Stuttgart ungestört beobachten zu können, sanken auf Null,
und die Wahrscheinlichkeit, wenigstens ab und zu einen Blick auf
die verfinsterte Sonne erhaschen zu können, waren gering. Zwar
seien in der dichten Wolkendecke hie und dort Löcher, aber wo
diese Löcher zum Zeitpunkt der Finsternis oder der Totalität sein
würden, vermochte selbst am Vorabend kein Mensch zu sagen.
Noch schlimmer war jedoch die Aussage, daß es auch in den benachbarten
Gegenden nicht viel besser aussehen würde. Praktisch im ganzen
Bereich der Totalitätszone hielten sich Wolken auf, abgesehen
von fernen Regionen: Ungarn (Gebiet südöstlich Plattensee), Rumänien
und Bulgarien. Plötzlich verbesserten sich auch die Prognosen
für Westfrankreich. So lautete der kurzfristige Entschluß: Auto
beladen und auf den Weg nach Frankreich. Ich zog die Fahrt nach
Frankreich einer Reise nach Ungarn vor. Würde man nämlich, durch
welche Einflüsse auch immer, auf halber Strecke stehen bleiben
müssen (z.B. wegen Stau durch Finsternistourismus), hätte man
innerhalb von Frankreich deutlich bessere Aussichten auf einen
freien Blick als etwa in Österreich, wo schlechtes Wetter mit
Regen als ziemlich sicher galt. Also ging am Dienstag Abend die
Fahrt ab Richtung Westen, Frankreich als Ziel. Frank nahm die
Strapaze der Fahrt ebenfalls auf sich, so daß wir zu zweit loszogen.
Unterwegs konnten wir telefonisch immer wieder die neuesten Wetterprognosen
abrufen und Freunde fragen, die im Internet in unserem Auftrag
recherchierten. Doch Prognose und Realität können zwei verschiedene
Dinge sein, und so regnete es in Frankreich wiederholt während
unserer nächtlichen Autofahrt. Nur ein Lichtblick blieb: Bei einer
Pause auf einer Autobahnraststätte hatten wir einen wunderschönen
Sternenhimmel über uns. Doch zum Übermut gab es keinen Grund:
Schon wenig später zogen wieder Wolken auf und es begann zu regnen.
Unser erstes Ziel war Laon, über die A26 gut erreichbar. Spät
in der Nacht trafen wir dort ein und gönnten uns einen kurzen
Erholungsschlaf im Auto. Dann ein böses Erwachen: Es war schon
hell, aber der Himmel zeigte sich bedeckt mit einer dicken, lückenlosen
Wolkenschicht. Wieder nahmen wir telefonischen Kontakt auf, um
die neuesten Internet-Wettermeldungen abzufragen. Sofern diese
Websites überhaupt noch erreichbar waren (viele waren aufgrund
der großen Besucherzahl zusammengebrochen), lieferten sie düstere
Prognosen: Nur im äußersten Westen Frankreichs würden Chancen
bestehen. Nun war klar, daß wir nichts zu verlieren hatten und
wir setzten uns in Bewegung. St. Quentin und Chaulnes waren die
nächsten Stationen, ohne daß das Wetter Besserung versprach. Schließlich
war es schon 10:00 Uhr und wir verließen die Autobahn, um uns
einen Platz für die Beobachtung zu suchen. Wir landeten letztlich
in Malpart, einem kleineren Ort südöstlich von Amiens, ein wenig
nördlich der Finsternis-Zentrallinie.
Die Finsternisdaten für diesen Ort (alle Angaben in MESZ):
1. Kontakt: 11:05 Uhr
2. Kontakt: 12:22:10 Uhr
3. Kontakt: 12:24:20 Uhr
4. Kontakt: 13:45 Uhr
Dauer der Totalität: 2 Minuten, 10 Sekunden
Immerhin setzte der Regen aus, und nach mehreren kleineren Standortwechseln
- wir wollten eine möglichst weite Aussicht über die Landschaft
haben - stellten wir das Auto auf einem Stoppelacker ab. Anfangs
ließ ein heller Fleck in der fast einheitlich grauen Wolkendecke
erahnen, an welcher Position die Sonne am Himmel steht. An Photos
war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Doch dann gab es immer
mehr dünnere Stellen in der hohen Bewölkung, während die tiefer
ziehenden Wolken komplett verschwanden. Wenn ein dünnerer Bereich
der Wolkendecke über die Sonne zog, konnte man ihre Umrisse sehen!
Schnell bauten wir das Teleskop und eine Kamera mit Teleobjektiv
auf. Erst eine halbe Stunde nach dem ersten Kontakt, also dem
Beginn der Finsternis, konnte ich ein erstes Photo schießen. Die
Sonne war bereits ein Stück vom Mond bedeckt. Es folgten weitere
Aufnahmen in unregelmäßigen Abständen, Taktgeber waren stets die
aufgelockerten Bereiche der Bewölkung.
Durch die dünneren Wolken konnten wir das Voranschreiten der Finsternis
ohne jegliche Schutzfilter beobachten. Sie dämpften das Sonnenlicht
derart, daß man auch ohne Schutzbrille nicht geblendet wurde.
Selbst der Blick auf die Sonne mit dem Teleskop konnte ohne Schutzfilter
erfolgen! Damit waren alle im Vorfeld gewonnen Erfahrungen bezüglich
der Belichtung solcher Aufnahmen wertlos geworden. Nun kam es
wieder auf Erfahrung und Gespür an, Improvisation war gefragt.
Ich belichtete einen Großteil der Aufnahmen mit der Belichtungsautomatik,
stellte aber eine Korrektur von +1,5 Stufen ein. Weil ein überwiegender
Teil der Bildfläche ziemlich hell war, befürchtete ich ohne Korrektur
eine Unterbelichtung, ähnlich wie bei Aufnahmen im Schnee. Wie
sich herausstellen sollte, war diese Korrektur angebracht.
Frank schaut durch das 8"-Schmidt-Cassegrain Teleskop auf
die teilverfinsterte Sonne - ohne Schutzfilter.
Das bin ich beim Blick durch das Teleskop. Im Vordergrund ist
die Kamera mit dem 800mm-Spiegelobjektiv und 2-fach Konverter
zu sehen.
Auf alle im voraus geplanten Aufnahmeserien mußte ich unterdessen
verzichten. Da die Sonne nur sporadisch auftauchte, waren Serienbelichtungen
in bestimmten Intervallen unmöglich. Vielmehr kam die Arbeitsweise
einer Art Schnappschuß-Photographie gleich, bei der schnelle Reaktion
erforderlich war, wenn wieder einmal ein Bereich dünnerer Wolken
den Blick zur Sonne kurzfristig freigab. Auch für Belichtungsreihen
(=Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen) blieb
praktisch keine Zeit. Jedes Photo mußte gelingen. So war eine
gewisse Hektik und Geschäftigkeit sogar während der partiellen
Phase der Finsternis nicht zu vermeiden. Ab ca. 12:10 Uhr stieg
der Aktivitätsgrad weiter an. Mit der zunehmenden Bedeckung der
Sonnenscheibe durch den Mond begann die Landschaft um uns herum,
an Helligkeit zu verlieren. Nicht nur die Lichtintensität wurde
geringer, auch die Qualität des Lichtes änderte sich langsam aber
stetig. Immer mehr wurde die Welt eingetaucht in ein dunkel ockerfarbenes,
fahles Licht. Alle Gegenstände verloren ihren Glanz und ihre Ausstrahlung,
sie wirkten unlebendig und abwesend, so, als wollten sie die Aufmerksamkeit
bewußt auf das Schauspiel am Himmel lenken.
Jetzt war es an der Zeit, am Fernrohr eine Kamera zu montieren,
die mittels Okularprojektion Detailaufnahmen der Finsternis liefern
sollte. Das Perlschnurphänomen, so nahm ich mir vor, sollte bei
etwas besserer Sicht durch die Wolken erkennbar sein. Schon war
die Sonne zu einer verdammt schmalen Sichel zusammengeschmolzen,
der Fortgang der Finsternis schien in diesem Stadium besonders
schnell voranzuschreiten. Im Herzschlagrythmus wurde es dunkler.
Hektisch wechselte ich noch einen teilbelichteten Film, um während
der Totalität genügend Vorrat zu haben. Kaum war der neue Film
eingelegt, ging es Schlag auf Schlag: Extrem schmale Sichel -
klick - Perlschnurphänomen - klick - totale Sonnenfinsternis -
klick. Ein 'Diamantring', bei dem ein letzter gleißend heller
Sonnenstrahl an einem Punkt zu sehen ist, trat nicht auf, da noch
immer eine leichte Wolkendecke den Blick zur Finsternis trübte.
Immerhin schien während der nun angebrochenen Totalitätsphase
ein besonders lichtes Wolkenfeld zwischen uns und der Sonne zu
sein, so daß wir das Geschehen recht gut sehen konnten.
Mit der Totalität erreichten auch meine Eindrücke einen Höhepunkt,
der in Worte zu fassen mir schwer fällt. Das fahle Licht um uns
war einer gespenstischen Dunkelheit gewichen, die durch helle
Streifen am Horizont in ihrer Wirkung nur gesteigert wurde. Trotzdem
war die Resthelligkeit ausreichend, um die Umgebung gut zu erkennen.
Ein Hase lief - sichtbar desorientiert - in kurzer Distanz zu
uns über den Stoppelacker. Obwohl schon vorher kaum Geräusche
zu vernehmen waren, fiel mir jetzt die große Stille auf, die den
surrealen Gesamteindruck unterstrich. Einen Finsterniswind konnten
wir nicht wahrnehmen. Im Gegenteil: Auch die Luft schien erstarrt
zu sein. Ich hatte das Gefühl, alles hält in diesem Moment den
Atem an, verharrte, stockte, hielt inne. Mit Beruhigung spürte
ich, daß wenigstens mein Herz weiter schlug, sogar in etwas erhöhtem
Tempo. Zwar ist mir sehr wohl bekannt, daß eine Totale Sonnenfinsternis
eigentlich nur ein kosmisches Licht- und Schattenspiel ist, dennoch
muß ich gestehen:
Das Erlebnis der Totalen Sonnenfinsternis hat meine Seele erschreckt.
Nie werde ich dieses Gefühl der Demut, der Bewunderung und des
inneren Schreckens vergessen können. Gerne wäre auch ich in den
Zustand des Phlegma verfallen, der einem von der Gesamtstimmung
fast aufgezwungen wurde. Doch ich erinnerte mich, daß ich auch
Photos machen wollte. Schnell und mit etwas zittrigen Händen baute
ich die Kamera am Fernrohr ab, um eine andere Kamera - ohne Okularprojektion
- zu montieren. Mit moderater Brennweite hatte ich eine Gesamtaufnahme
der totalen Phase im Auge. Zwar waren die äußeren Bereiche Sonnen-Corona
durch die leichte Wolkendecke nicht zu erkennen, aber die innerern,
helleren Zonen und vor allem die lachsrote Chromospäre mit den
Protuberanzen waren gut zu sehen. Nach dem Umbau der Kamera war
die Schärfe im Sucher weg und ich mußte den Schärfeknopf des Telekopes
weit drehen, bis der 'schwarze Mond' endlich im Sucher auftauchte.
Ich wußte, daß schon einige Zeit vergangen war und drückte jetzt
intuitiv auf den Auslöser, ohne mir über die Belichtungseinstellung
Gedanken zu machen. Die Kamera war noch auf Automatik mit der
Korrektur von +1,5 Stufen eingestellt. Nach dem Öffnen des Verschlusses
dauerte es 12 quälende Sekunden, bis er sich wieder schloß. In
dieser Zeit dachte ich nach, mit welcher Belichtung ich die nächsten
Aufnahmen machen werde. Doch dazu kam es nie. Sofort nach dieser
ersten, einzigsten Aufnahme der Totalität blitzte schon wieder
die Sonne am Mondrand hervor und die totale Phase der Finsternis
war zuende.
Natürlich war ich enttäuscht, daß ich nur eine Aufnahme machen
konnte, die - so dachte ich - auch nicht sonderlich gut gelingen
wird. Die lange Belichtung erforderte ein exaktes Nachführen des
Telekopes mittels Motor, damit die Himmelsbewegung keine Unschärfen
verursacht. Ich hoffte, daß die Nachführgenauigkeit ausreichend
war. Die Belichtung war ohnehin ein Glücksspiel. So rechnete ich
mit einer Aufnahme, die allenfalls als Erinnerungsbild oder als
'Beweisaufnahme' taugt. Daß ich zumindest dabei großes Glück hatte,
zeigt das Resultat.
Obwohl ich die Totalität sehr gerne länger beobachtet und öfter
photographiert hätte, machte sich in mir eine eigenartige Erleichterung
bemerkbar, als sich die ersten Sonnenstrahlen zu einer schmalen
Sichel formten. Freilich versäumte ich nicht, das erneut auftretende
Perlschnurphänomen nach dem 3. Kontakt im Bild festzuhalten. Fünf
Minuten lang konnten wir noch beobachten, wie der dunkle Neumond
die Sonnenscheibe langsam wieder freigab. Und dann: Totale Finsternis
in Form dichter Wolken! Ab diesem Zeitpunkt war kein Blick zu
Sonne mehr möglich. Erst nach mehr als einer Stunde - die meisten
Beobachter hatten sich längst auf den Heimweg gemacht - zog ein
letztes Loch mit lichten Wolken vor Sonne und ermöglichte ein
allerletztes Photo, circa 10 Minuten vor dem endgültigen Ende
der Finsternis.
Was bleibt mir persönlich von dieser Finsternis am 11. August?
Zunächst ein unauslöschlicher Eindruck eines grandiosen Naturschauspiels
und der dringende Wunsch, so etwas noch einmal erleben zu wollen.
Zum anderen aber auch eine große Enttäuschung darüber, daß das
Wetter nicht nur mein komplettes Beobachtungsprogramm 'gestrichen'
hat, sondern auch zahllosen Freunden, Bekannten und Unbekannten
ein großartiges Erlebnis völlig verdorben hat. Es bleibt der Schmerz,
die Finsternis nicht in gewohnter Umgebung, in seiner Heimat erlebt
zu haben. Und das Wissen, daß es eine zweite Chance dazu für mich
nicht gibt. Die Reise an einen fernen Ort, wo eine Totale Sonnenfinsternis
stattfindet, kann nur ein schwacher Trost sein. Es bleibt die
Trauer über den Großteil einer entgangen Freude, über die ich
erst noch hinwegkommen muß. Das Kopfschütteln darüber, daß ausgerechnet
am 11. August der Höhepunkt einer Wetterstörung erreicht war,
die die Sicht just auf der Linie der totalen Bedeckung durch dichte
Regenwolken vereitelte. Die Freude für alle diejenigen, die glücklicherweise
im Moment der Totalität freie Sicht zum Himmel hatten. Das war
z.B. am Ort der Sternwarte Welzheim so, nur etwa 30km von meinem
Wohnort entfernt! Freude über meine Photos, Freude über die Gnade
der Witterung, mir zumindest den Blick durch leichte Wolken auf
die totale Phase zu genehmigen. Grenzenlose Freude über den Zufall,
erst fünf Minuten nach der Totalität der Sicht durch Wolken beraubt
zu werden. Grenzenlose Freude darüber, daß die Wolken nicht zehn
Minuten vorher kamen...
Fazit: Mit zwei blauen Augen davongekommen.